Wie “offen” ist die deutsche Volkswirtschaft?

Wenn man über die „Offenheit“ einer Volkswirtschaft spricht, meint man in der Regel, wie stark ein Land in die internationalen Handelsverflechtungen eingebunden ist. „Offene“ Volkswirtschaften sind stark in den Welthandel eingebunden, während „geschlossene“ Volkswirtschaften in Relation zu ihrer Wirtschaftsleistung weniger exportieren und importieren.

Der einfachste statistische Indikator, mit dem man die Offenheit einer Volkswirtschaft messen kann, ist die Außenhandelsquote. Diese bemisst den Anteil des Warenexports und Warenimports gemessen am Bruttoinlandsprodukt eines Landes.

Im Jahr 2016 exportierte und importierte Deutschland Waren im Gesamtwert von 2,162 Milliarden Euro. Dabei machten Exporte 1,207 Milliarden Euro oder 38,60% des BIP aus; Importe schlugen mit 955 Milliarden Euro oder 30,53% zu Buche. Somit betrug die Außenhandelsquote 69,12%, also mehr als zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung des Jahres. Laut unseren approximativen Hochrechnungen (Rundungsfehler inbegriffen) lag die Außenhandelsquote in den letzten Jahren immer knapp unter dem Spitzenwert von 72,75% aus dem Jahr 2011.

Quellen: Destatis, eigene Berechnungen

Auffällig ist auch, dass die deutsche Außenhandelsquote im Zuge der Einführung des Euro als Buchgeld (also ab 1999) deutlich angezogen hat: In den neun Jahren nach der Wiedervereinigung betrug die durchschnittliche Außenhandelsquote etwa 42% des BIP. Seit der Einführung der Gemeinschaftswährung lag diese durchschnittlich bei 65%. Nach der Großen Rezession von 2008/09 liegt sie relativ konstant bei etwa 70% des BIP.

In den obigen Berechnungen haben wir allerdings nur den Export von Waren berücksichtigt. Bezieht man auch den Handel mit Dienstleistungen ein, dann lag die deutsche Außenhandelsquote laut OECD-Daten im Jahr 2016 etwa bei 84% der jährlichen Wirtschaftsleistung. Deutsche Unternehmen exportierten Dienstleistungen im Wert von 7,4% des BIP, die Importquote lag bei 7,9%. Im Gegensatz zum Warenhandel ist die deutsche Dienstleistungsbilanz (vor allem wegen der Ausgaben von deutschen Touristen im Ausland) chronisch defizitär – es werden jedes Jahr also mehr Dienstleistungen importiert als exportiert.

Egal ob unter Berücksichtigung der Dienstleistungen oder ohne – gemessen an der Außenhandelsquote ist Deutschland im Vergleich zu anderen größeren Volkswirtschaften sehr stark in die internationalen Handelsverflechtungen eingebunden, wie der folgende Chart zeigt:

*Quoten für 2015, ** Quoten für 2014, ansonsten alle für 2016. Quellen: IWF, OECD, eigene Berechnungen

An dieser Stelle sollte betont werden, dass es keinen unmittelbar nachweisbaren Zusammenhang zwischen der handelspolitischen „Offenheit“ eines Landes und dessen Wohlstandsniveau gibt. Setzt man die Außenhandelsquote (gemessen an Waren-Quoten) ins Verhältnis zum pro-Kopf Einkommen einer Volkswirtschaft, zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen „offen“ und „wohlhabend“ zumindest im Ländervergleich nicht eindeutig herzustellen ist. So hat Brasilien beispielsweise im Verhältnis zu seinem Pro-Kopf-Einkommen eine geringe Außenhandelsquote, während die Slowakei bei etwa ähnlichem Pro-Kopf-Einkommen sehr stark mit anderen Ländern verflochten ist.

Nicht nur deswegen sollte man bei wirtschaftspolitischen Rückschlüssen auf Basis der Außenhandelsquote sehr vorsichtig sein. Schließlich setzt die Außenhandelsquote lediglich den Endwert der exportierten Güter ins Verhältnis zum Endwert der produzierten Güter und Dienstleistungen – wie groß dabei der Anteil an importierten Vorleistungen ist, lässt sich auf Basis der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung aus Perspektive der Verwendungsrechnung nicht genau bestimmen. Genau dies wäre jedoch notwendig um bestimmen zu können, wieviel die deutsche Wirtschaft am Export „verdient“.

Dazu ein Beispiel: Ein Entwicklungsland, dessen Exporte größtenteils unter menschenunwürdigen Bedingungen in Sweatshops produziert wurde, muss möglicherweise für die Betreibung dieser Sweatshops teure Nähmaschinen aus dem Ausland importieren. Der Anteil der nationalen Wertschöpfung am Gesamtprodukt fällt dadurch sehr gering aus. Umgekehrt verhält es sich mit einem hoch technologisierten Industrieland, dessen Lasermaschinen vielleicht zu 100% aus nationalen Vorleistungen bestehen. In beiden Ländern unterscheidet sich die Außenhandelsquote vielleicht nicht stark, der Beitrag des Exports zur nationalen Wertschöpfung allerdings schon.

Die Frage nach der Bedeutung des Exports für die inländische wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ist also eine Frage der Entstehungsrechnung des Bruttoinlandsproduktes, bei der man den Produktionswert abzüglich der Vorleistungen betrachtet.